Nina hatte nie verstanden, weshalb manche Menschen modernen Autos misstrauten.
Ihr eigenes Fahrzeug war schließlich ausgesprochen fürsorglich. Es hielt Abstand, blieb in der Spur, warnte vor Hindernissen und konnte sogar einparken. Laut Prospekt arbeiteten dafür hoch entwickelte Sensoren, Kameras und intelligente Algorithmen zusammen.
Nina nannte das Auto deshalb manchmal liebevoll „Kevin“.
An diesem Morgen stellte sie ihre Cola Zero in den Getränkehalter, drückte den Startknopf und fuhr los.
Auf dem Armaturenbrett leuchteten vier kleine Symbole auf:
Spurhalteassistent: bereit.
Abstandstempomat: bereit.
Notbremsassistent: bereit.
Einparkhilfe: bereit.
Was Nina nicht wusste: In genau diesem Augenblick ging an vier verschiedenen Orten der Alarm los.
Dreizehn Kilometer entfernt stand Rüdiger in seinem Garten und goss die Petunien.
Plötzlich begann der kleine Melder an seinem Gürtel hektisch zu blinken.
EINSATZ. FAHRZEUG GESTARTET. SPURHALTUNG BENÖTIGT.
„Ach, du meine Güte. Die fährt schon!“
Rüdiger ließ die Gießkanne fallen, rannte ins Haus und setzte sich noch mit Gartenhandschuhen an seine Spielkonsole. Auf dem Bildschirm erschien die Liveübertragung einer sonnigen Landstraße.
Ganz oben blinkte:
FAHRERIN: NINA
AUFMERKSAMKEITSSTATUS: SINGT
AKTUELLES RISIKO: BEGRÜSSUNG EINES PFERDES
Rüdiger griff nach dem Lenkrad.
„So, Nina. Wir beide bleiben jetzt schön zwischen den Linien.“
Zur gleichen Zeit saß Manuela beim Frühstück und wollte gerade in ihr Brötchen beißen, als unter dem Tisch die Sirene ertönte.
ABSTANDSTEAM: SOFORTIGE BEREITSCHAFT
„Nicht schon wieder während des Frühstücks!“
Sie schob den Stuhl zurück, setzte sich an ihren Fahrsimulator und betrachtete das vorausfahrende Fahrzeug auf ihrem Monitor. Mit einem großen Schieberegler hielt sie exakt den vorgeschriebenen Abstand.
„Einundfünfzig Meter“, murmelte sie. „Sehr schön.“
Dann bremste der Wagen vor Nina leicht ab.
Manuela riss den Regler zurück.
„Neunundvierzig! Rüdiger, sag ihr, sie soll nicht so dicht auffahren!“
„Ich mache nur die Spur!“, rief Rüdiger über die Einsatzleitung. „Für den Abstand bist du zuständig!“
„Dann soll der Notbremsdienst helfen!“
Der Notbremsdienst bestand an diesem Vormittag aus Uwe.
Uwe saß allein vor einem riesigen roten Knopf.
Er hatte ihn in seinen sieben Dienstjahren noch nie drücken müssen. Trotzdem nahm er seine Aufgabe sehr ernst. Links neben dem Knopf standen eine Thermoskanne, ein belegtes Brot und das siebenhundertseitige Handbuch:
NOTBREMSUNG – GRUNDLAGEN UND SONDERFÄLLE
Uwe beobachtete gebannt, wie Nina auf eine Kreuzung zufuhr.
Ein Traktor näherte sich von rechts.
Uwes Hand schwebte über dem Knopf.
Der Traktor hielt an.
Nina fuhr weiter.
Uwe atmete aus und notierte sorgfältig:
10:43 Uhr. Potenziell etwas gewesen. War dann aber doch nichts.
Von all dem bemerkte Nina nichts.
Sie fuhr entspannt durch die Landschaft, trank einen Schluck Cola Zero und wunderte sich nur kurz darüber, dass das Lenkrad manchmal ganz leicht zuckte.
„Kevin passt eben auf“, sagte sie zufrieden.
Hinter den Kulissen hatte Rüdiger gerade seinen Controller verloren.
Er fand ihn unter der Gießkanne wieder, rutschte mit dem nassen Gartenhandschuh vom Steuer und brachte Ninas Auto in letzter Sekunde zurück in die Mitte der Fahrbahn.
Auf Ninas Armaturenbrett blinkte für eine halbe Sekunde das Spurhaltesymbol.
„Danke, Kevin.“
Rüdiger wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Gern geschehen.“
Am Ziel entdeckte Nina eine enge Parklücke.
Sie setzte den Blinker und drückte den Knopf für den Einparkassistenten.
Tief unter einem unscheinbaren Bürogebäude wurde es schlagartig still.
Dies war ein Auftrag für Sabine.
Sabine galt als beste Einparkspielerin des gesamten Bereitschaftsbezirks. An ihrem Arbeitsplatz standen drei Monitore, zwei Joysticks, sieben Kameraperspektiven und eine kleine Porzellanfigur mit der Aufschrift:
Ruhe bewahren. Sie kann dich nicht hören.
Sabine betrachtete die Parklücke.
Links ein Lieferwagen. Rechts ein Blumenkübel. Dahinter ein Fahrrad.
„Das wird eng.“
Die übrigen Einsatzkräfte versammelten sich auf ihren Bildschirmen.
Manuela vergaß ihr Frühstück.
Rüdiger zog endlich die Gartenhandschuhe aus.
Uwes Hand wanderte vorsichtshalber zum roten Knopf.
Sabine legte den Rückwärtsgang ein.
Zwölf Zentimeter nach links.
Langsam zurück.
Lenkung einschlagen.
Stopp.
Korrigieren.
Noch drei Zentimeter.
Das Auto glitt vollkommen selbstständig in die Parklücke.
Nina sah beeindruckt auf das Lenkrad, das sich wie von Geisterhand bewegte.
„Wahnsinn, was Technik heute alles kann.“
In der geheimen Einsatzzentrale brach Jubel aus.
Rüdiger riss beide Arme hoch.
Manuela klatschte.
Uwe nahm feierlich die Hand vom roten Knopf.
Sabine lehnte sich erschöpft zurück.
EINSATZ ERFOLGREICH.
Nina stellte den Motor ab.
Sämtliche Bildschirme wurden schwarz.
Die Einsatzkräfte kehrten in ihr normales Leben zurück. Rüdiger ging zu seinen Petunien. Manuela setzte sich wieder an den Frühstückstisch. Uwe schrieb seinen Abschlussbericht. Sabine erhielt drei Minuten Pause vor dem nächsten Einparkvorgang.
Nina stieg aus, nahm ihre Cola Zero und ging davon.
Auf dem Parkplatz sagte ein Mann zu seiner Frau:
„So ein modernes Auto macht inzwischen wirklich alles allein.“
Tief unter der Erde öffnete Uwe sein belegtes Brot, blickte müde auf den roten Knopf und murmelte:
„Ja. Fast alles.“

