Der Tag, an dem Netflix-Kevin die Zeile 847 verlor

Nina hatte sich immer gefragt, woher Netflix eigentlich wusste, welche Filme ihr gefallen könnten.

Offiziell war die Sache natürlich längst geklärt.

Ein hoch entwickelter Algorithmus analysierte ihr Sehverhalten, verglich es mit den Vorlieben von Millionen anderer Menschen und errechnete daraus mit beeindruckender Präzision persönliche Empfehlungen.

So stand es jedenfalls irgendwo im Internet.

Nina nannte diesen Algorithmus Kevin.

„Na, Kevin“, sagte sie, wenn sie abends Netflix öffnete. „Was hast du heute für mich?“

Manchmal war sie mit seinen Vorschlägen zufrieden.

Manchmal fragte sie sich, ob Kevin ihr überhaupt zuhörte.

Was Nina nicht wusste: Kevin hörte ihr nicht nur zu.

Kevin saß ihretwegen seit drei Jahren in einem fensterlosen Großraumbüro hinter dem Internet.

Auf seiner Tür stand:

ABTEILUNG FÜR PERSONALISIERTE FILMVORSCHLÄGE
SACHGEBIET NINA
ZUSTÄNDIG: KEVIN

Kevin war ein gewissenhafter Mann. Er trug ein kariertes Hemd, besaß sechs Textmarker und arbeitete mit einer Excel-Tabelle, die inzwischen so groß geworden war, dass niemand mehr wusste, ob sie noch vollständig auf einen Computer passte.

Die Datei hieß:

NINA_FINAL_WIRKLICH_FINAL_V27_NEU.xlsx

Sie enthielt 1.846 Zeilen, 93 Spalten und mehrere Tabellenblätter.

Unter anderem:

  • Bereits gesehen
  • Angefangen
  • Abgebrochen
  • Nur kurz reingeguckt
  • Nebenbei eingeschlafen
  • Nicht eingeschlafen, sondern nachgedacht
  • Für später vorgemerkt
  • Für später vorgemerkt, aber vermutlich vergessen
  • Männer mit komplizierter Innenwelt
  • Frauen, die Dinge früher verstehen als alle anderen
  • Institutionen mit fragwürdigen Absichten
  • Zeitreisen
  • Drachen
  • Filme, aus denen versehentlich ein Forschungsprojekt wurde
  • Filme, die eigentlich nur der Erholung dienen sollten

Das letzte Tabellenblatt bereitete Kevin die größten Schwierigkeiten.

An diesem Dienstagabend saß Nina auf dem Sofa, stellte ihre Cola Zero auf den Tisch und schaltete den Fernseher ein.

In Kevins Büro ging sofort der Alarm los.

KUNDIN ONLINE

Kevin fuhr erschrocken hoch.

Er hatte gerade versucht, Zeile 847 farblich neu zu markieren.

„Alle auf Position!“, rief er.

Zwei Schreibtische weiter setzte Birgit hastig ihre Kopfhörer auf. Birgit war für die Vorschaubilder zuständig. Sie entschied, ob Nina einen Film mit einem Drachen, einem geheimnisvoll blickenden Mann oder einer Frau gezeigt bekam, die offenbar gerade etwas sehr Wichtiges erkannt hatte.

Dennis aus der Autoplay-Abteilung schob seinen Bürostuhl näher an die Konsole.

Manuela vom Bereich „Weil Sie … angesehen haben“ öffnete einen Karteikasten.

Ganz hinten im Raum saß Uwe vor dem großen roten Knopf mit der Aufschrift:

NOCH EINE FOLGE STARTEN

„Wie ist die Lage?“, fragte Birgit.

Kevin betrachtete seine Monitore.

„Sie sitzt auf dem Sofa.“

„Das tut sie meistens, wenn sie Netflix öffnet.“

„Cola Zero steht bereit.“

Birgit wurde ernst.

„Dann meint sie es ernst.“

Auf Kevins Hauptbildschirm erschien eine neue Meldung:

VORAUSSICHTLICHER WUNSCH:
ETWAS SCHÖNES

Darunter blinkte:

ABER NICHT ZU OBERFLÄCHLICH

Eine zweite Zeile erschien.

ETWAS INTELLIGENTES

Dann:

ABER NICHT SO ANSTRENGEND, DASS DARAUS HEUTE NOCH ARBEIT ENTSTEHT

Kevin seufzte.

„Wir brauchen einen unterhaltsamen Film mit analytischer Tiefe, emotionaler Resonanz und mindestens einer interessanten Systemfrage, der sich gleichzeitig anfühlt wie Nichtstun.“

Im Büro wurde es still.

Dennis hob vorsichtig die Hand.

„Wir hätten einen skandinavischen Politthriller.“

„Zu anstrengend.“

„Eine romantische Komödie?“

„Zu belanglos.“

„Eine Dokumentation über künstliche Intelligenz?“

Kevin sah ihn fassungslos an.

„Sie möchte sich erholen, Dennis.“

„Ach so.“

Manuela zog eine Karte aus ihrem Kasten.

„Wie wäre es mit Zeitreisen? Zeitreisen gehen bei ihr eigentlich immer.“

„Nicht immer“, sagte Kevin. „Letzten Donnerstag hat sie bei einem Zeitreisefilm nach acht Minuten pausiert.“

„Dann mochte sie ihn nicht.“

„Das wissen wir nicht. Vielleicht musste sie mit einem Hund raus. Vielleicht hat jemand angerufen. Vielleicht ist ihr eine Idee eingefallen. Vielleicht hat sie eine gesellschaftliche Struktur erkannt und musste darüber nachdenken.“

Er deutete auf die Excel-Tabelle.

„Deshalb haben wir doch Spalte AP.“

Manuela scrollte nach rechts.

Spalte AP trug die Überschrift:

GRUND FÜR PAUSE – UNGEKLÄRT

Fast alle Felder waren gelb.

Gelb bedeutete: Kevin wusste es nicht.

Nina begann durch die Vorschläge zu scrollen.

Sofort brach Unruhe aus.

„Sie hat den Politthriller übersprungen!“, rief Dennis.

Kevin setzte eine rote Markierung.

„Nach wie vielen Sekunden?“

„Zwei Komma acht.“

„Das zählt nicht als Ablehnung. Vielleicht hat ihr nur das Vorschaubild nicht gefallen.“

Birgit drehte sich empört um.

„Auf dem Vorschaubild stand ein Mann im Regen vor einem Regierungsgebäude. Das ist praktisch exakt ihr Beuteschema.“

„Der Mann sah aus wie ein Versicherungsmakler.“

„Er ist Staatssekretär!“

„Das kann sie nicht wissen, Birgit!“

Nina scrollte weiter.

Fantasyserie.

Übersprungen.

Kriminalfilm.

Übersprungen.

Historisches Drama.

Kurz angehalten.

Im Büro hielten alle den Atem an.

„Wir haben Interesse!“, flüsterte Manuela.

Kevin beugte sich vor.

Auf dem Vorschaubild stand eine junge Frau in einem alten Herrenhaus vor einer verschlossenen Tür. Hinter ihr hing das Porträt eines ernst blickenden Mannes. Rechts im Bild war undeutlich eine goldene Uhr zu erkennen.

Kevin prüfte hektisch seine Tabelle.

„Historisches Gebäude, Familiengeheimnis, möglicherweise Zeitreise. Das könnte funktionieren.“

Nina öffnete die Beschreibung.

Die Einsatzkräfte jubelten leise.

Dann schloss Nina die Beschreibung wieder.

Betretenes Schweigen.

„Was war falsch?“, fragte Birgit.

Kevin starrte auf die Daten.

„Keine Ahnung.“

„Vielleicht zu vorhersehbar?“

„Vielleicht.“

„Vielleicht war die Beschreibung schlecht?“

„Möglich.“

„Vielleicht hat sie den Schauspieler erkannt und wollte erst nachsehen, woher sie ihn kennt?“

Kevin öffnete ein neues Tabellenblatt.

MÖGLICHE GRÜNDE FÜR DAS SCHLIESSEN EINER FILMBESCHREIBUNG

„Nein“, sagte Manuela. „Du legst jetzt nicht noch ein Tabellenblatt an.“

„Ich muss das dokumentieren.“

„Die Datei braucht schon sieben Minuten zum Öffnen!“

In diesem Moment geschah es.

Kevin wollte zur Übersicht zurückkehren, rutschte mit der Maus ab und verschob versehentlich Zeile 847.

Ein kollektives Keuchen ging durch den Raum.

„Was stand da drin?“, fragte Dennis.

Kevin wurde blass.

„Ich weiß es nicht.“

„Wie kannst du das nicht wissen?“

„Es war Zeile 847! Niemand weiß auswendig, was in Zeile 847 steht!“

Manuela suchte im Karteikasten.

Birgit kontrollierte die Ausdrucke.

Dennis kroch unter den Schreibtisch, obwohl dort mit ziemlicher Sicherheit keine Excel-Zeile lag.

Auf Ninas Bildschirm erschien währenddessen eine neue Empfehlung:

ZU 98 % PASSEND

Zu sehen war ein düsteres Science-Fiction-Drama über eine Gruppe schweigsamer Menschen, die in einer unterirdischen Anlage das Ende der Welt verwalteten.

Nina betrachtete das Vorschaubild.

„Kevin“, sagte sie langsam. „Was soll ich denn damit?“

Im Großraumbüro ging eine Warnleuchte an.

KUNDIN SPRICHT ZUSTÄNDIGEN MITARBEITER DIREKT AN

Kevin geriet in Panik.

„Nehmt es raus! Sofort rausnehmen!“

„Das geht nicht“, rief Birgit. „Es ist bereits auf ihrer Startseite!“

„Dann gebt ihr etwas mit einem Drachen!“

„Welchen Drachen?“

„Irgendeinen freundlichen!“

„Wir haben nur den, der ein Königreich niederbrennt, und den, dessen Mutter ermordet wurde.“

„Dann die Zeitreise!“

„Welche?“

„Die mit der Frau, die alles früher versteht!“

„Das sind zwölf!“

Kevin fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare.

Dann sah er auf den zweiten Monitor.

Dort hatte Nina die Suche geöffnet und selbst einen Filmtitel eingegeben.

Das Büro verstummte.

„Der steht gar nicht auf unserer Liste“, sagte Dennis.

Kevin prüfte die Excel-Tabelle.

Der Film war dort tatsächlich nicht vermerkt.

Nicht unter Zeitreisen.

Nicht unter Drachen.

Nicht unter Institutionen.

Nicht einmal unter „Könnte vielleicht trotzdem passen“.

Nina startete den Film.

Die ersten Bilder erschienen.

Sie lehnte sich zurück, nahm einen Schluck Cola Zero und sagte:

„Siehst du, Kevin. Geht doch.“

Im Büro brach Jubel aus.

Birgit klatschte.

Dennis fiel Manuela um den Hals.

Uwe nahm feierlich die Hand vom roten Knopf.

Kevin atmete tief aus und öffnete den Abschlussbericht.

Er schrieb:

20:47 Uhr: Kundin hat aufgrund einer hochpräzisen personalisierten Empfehlung einen geeigneten Film ausgewählt.

Manuela las über seine Schulter.

„Aber den hat sie selbst gesucht.“

Kevin setzte gewissenhaft ein Häkchen in Spalte BC.

EMPFEHLUNG ERFOLGREICH

„Sie hat ihn auf Netflix gefunden“, sagte er. „Das reicht.“

Dann suchte er weiter nach Zeile 847.

Am nächsten Morgen entdeckte die Frühschicht sie zwischen „Britische Herrenhäuser“ und „Filme mit verdächtig bedeutungsvollen Tauben“.

Darin stand:

Kundin entscheidet am Ende ohnehin selbst.

Kevin markierte die Zeile grün, speicherte die Datei und lehnte sich zufrieden zurück.

Auf Ninas Netflix-Startseite erschien eine neue Kategorie:

Weil Sie selbst am besten wissen, was Sie sehen möchten

Sie war nach drei Minuten wieder verschwunden.

Offiziell aufgrund eines technischen Fehlers.

Inoffiziell hatte Kevin dafür eine Abmahnung bekommen.

Kommentar verfassen

Nach oben scrollen

Entdecke mehr von Lieschen Müller

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen