Am Abend des 17. August 2026 taucht in Burlo eine kleine schwarze Katze auf. Keine 24 Stunden spĂ€ter liegt sie auf dem Operationstisch. Dazwischen liegen eine Nachbarin, ziemlich viel Hunger, ein neuer Name, ein Ohropax â und die Entdeckung, dass in diesem winzigen Katzenbauch sehr viel mehr steckt, als irgendjemand ahnen konnte.
Manchmal beginnt eine Geschichte nicht damit, dass man nach etwas sucht.
Sondern damit, dass einem etwas entgegenlÀuft.
So war es mit Nyx.
Eine kleine schwarze Katze lÀuft einfach mit
Am Abend des 17. August wurde in meiner Nachbarschaft eine junge schwarze Katze entdeckt.
Sie war offenbar schon an mehreren HĂ€usern aufgetaucht und lief schlieĂlich einer Nachbarin und ihrer Tochter hinterher. Dort konnte sie wegen einer Katzenallergie in der Familie nicht bleiben.
Also ging ich hin.
Was dann passierte, war bemerkenswert unkompliziert.
Die kleine Katze lief mit den beiden die StraĂe entlang â fast eher wie ein Hund als wie eine vorsichtige fremde Katze. Als ich sie ansprach, kam sie direkt auf mich zu.
Ich konnte sie anfassen.
Ich konnte sie hochnehmen.
Und damit war fĂŒr diesen Abend eigentlich schon entschieden:
Komm erst mal mit.
Nicht fĂŒr immer.
Nicht als spontane Entscheidung darĂŒber, wem diese Katze kĂŒnftig gehört.
Einfach nur:
Du brauchst gerade einen sicheren Platz.
Den kriegst du.
Hunger. Sehr viel Hunger.
Schon auf den ersten Blick wirkte die Kleine ziemlich dĂŒnn.
Wenig Muskulatur, ein knochiger Körper â und vor allem:
Hunger.
Sie fraĂ.
Und fraĂ.
Und wollte weiterfressen.
Zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, woher sie kam, wie lange sie unterwegs gewesen war oder wann sie zuletzt ausreichend Nahrung bekommen hatte.
Also bekam sie zunĂ€chst Futter, Wasser, einen geschĂŒtzten Bereich und eine improvisierte Katzentoilette.
Die Haltersuche lief an.
Ich informierte unter anderem die Katzenhilfe Borken.
Und weil eine schwarze Katze, die nachts plötzlich auftaucht, irgendwann auch einen Namen braucht, entstand im Laufe des Abends eine kleine Namensrunde.
Gewonnen hat:
Nyx
Drei Buchstaben.
Kein Vokal.
Und in der griechischen Mythologie die Göttin der Nacht.
FĂŒr eine kleine schwarze Katze zumindest vorlĂ€ufig ziemlich passend.
Innerhalb weniger Stunden vom Findelkind zum Kuscheltiger
Nyx war erstaunlich menschenbezogen.
Sie lieĂ sich anfassen, kraulen und hochnehmen.
Im Laufe des Abends wurde sie immer mĂŒder.
Irgendwann saĂ sie bei mir, kĂ€mpfte sichtbar gegen den Schlaf â und dann fiel ihr einfach der Kopf auf meinen SchoĂ.
FĂŒr diese Nacht war sie angekommen.
Ob sie irgendwo vermisst wurde, wusste ich weiterhin nicht.
Ob sie bleiben wĂŒrde, schon gar nicht.
Aber eines war ziemlich offensichtlich:
Sie war froh, dass sich gerade jemand um sie kĂŒmmerte.
Dann kam der Ohropax
Am nÀchsten Morgen Ànderte sich die Lage innerhalb weniger Sekunden.
Nyx erwischte einen Schaumstoff-Ohrstöpsel.
Ich sah ihn noch.
Ich wollte reagieren.
Zu spÀt.
Das Ding war weg.
Geschluckt.
Bei einer gröĂeren Katze hĂ€tte man vielleicht zunĂ€chst ĂŒber verschiedene Möglichkeiten nachdenken können.
Aber Nyx war klein.
Sehr klein.
Also ging es direkt zum Tierarzt.
Und ausgerechnet dieser völlig unspektakulĂ€re Ohropax sollte sich kurze Zeit spĂ€ter als ziemlich entscheidend fĂŒr ihre Geschichte herausstellen.
Rund 1,2 Kilogramm Katze â und ein erschreckend voller Bauch
In der Tierarztpraxis Borken-Weseke wurde Nyx untersucht.
Dabei zeigte sich:
Sie wog nur rund 1,2 Kilogramm.
Sie war deutlich dehydriert.
Und ihr Magen war auĂergewöhnlich stark gefĂŒllt.
Das Röntgenbild sah selbst fĂŒr mich als medizinischen Laien bemerkenswert aus.
Vereinfacht gesagt:
In dieser kleinen Katze schien fast nur noch Magen zu sein.
Neben sehr viel Inhalt waren auf dem Röntgenbild auĂerdem zahlreiche knöcherne Strukturen zu erkennen.
Damit wurde die Frage plötzlich sehr viel gröĂer als:
âKommt so ein Ohropax vielleicht von alleine wieder heraus?â
Warum nicht einfach abwarten?
Genau diese Frage liegt natĂŒrlich nahe.
Auch unter dem spÀteren Facebook-Beitrag der Tierarztpraxis tauchte schnell ein Erfahrungsbericht auf: Bei einem anderen Tier sei ein verschluckter Ohrstöpsel einfach wieder ausgeschieden worden.
Das kann vorkommen.
Aber damit weiĂ man noch nicht, was bei dieser Katze in dieser konkreten Situation die richtige Entscheidung ist.
Nyx war sehr klein.
Der Magen war extrem gefĂŒllt.
Und ein Schaumstoff-Fremdkörper kann den Magen-Darm-Trakt blockieren.
Auch kĂŒnstlich ausgelöstes Erbrechen war keine einfache Lösung: Der Fremdkörper hĂ€tte auf dem RĂŒckweg in der Speiseröhre hĂ€ngen bleiben können.
Eine endoskopische Entfernung wurde ebenfalls erwogen.
Doch bei einem Magen, der bereits so voll war und zusĂ€tzlich zahlreiche Knochenbestandteile enthielt, wĂ€re es schwierig gewesen, den kleinen Ohropax ĂŒberhaupt sicher zu finden und zu greifen.
Am Ende blieben im Wesentlichen drei Möglichkeiten:
Risiko eingehen und abwarten.
Versuchen, ihn endoskopisch zu finden.
Oder operieren.
Die Entscheidung fiel auf die Operation.
Und dann wurde aus dem Ohropax plötzlich ein GlĂŒcksfall
Nyx wurde stationÀr aufgenommen, bekam Infusionen und wurde operiert.
Nach der Operation rief TierÀrztin Julia Venema an.
Und dann wurde deutlich, wie ungewöhnlich die Situation tatsÀchlich gewesen war.
In Nyxâ Magen befand sich nicht einfach nur sehr viel Katzenfutter.
Dort fanden sich auch Ăberreste von MĂ€usen und Vögeln.
Im telefonischen GesprÀch wurden noch konkretere Bestandteile beschrieben.
Wie genau der gesamte Mageninhalt zusammengesetzt war, möchte ich fĂŒr eine spĂ€tere Dokumentation noch einmal mit der Tierarztpraxis abgleichen.
Aber eines ist bereits klar:
Dieser kleine Katzenkörper hatte offenbar alles aufgenommen, was irgendwie als Nahrung infrage kam.
Und plötzlich bekam ausgerechnet der Ohropax eine völlig andere Rolle.
Denn ohne ihn wÀre ich an diesem Morgen wahrscheinlich nicht mit Nyx zum Tierarzt gefahren.
Ohne ihn hÀtte niemand dieses Röntgenbild gemacht.
Und ohne dieses Röntgenbild wÀre nicht sichtbar geworden, in welchem Zustand ihr Bauch tatsÀchlich war.
Der Ohropax war also gleichzeitig:
das Problem, das eine Operation notwendig machte â und der Anlass, durch den das viel gröĂere Problem ĂŒberhaupt entdeckt wurde.
Manchmal sieht GlĂŒck offenbar ziemlich bescheuert aus.
Manchmal sieht es aus wie ein Schaumstoffstöpsel.
Die Operation ist geschafft
Das Wichtigste zuerst:
Nyx hat die Operation geschafft.
Sie blieb zunÀchst zur Beobachtung in der Tierarztpraxis.
Wenn die weitere Genesung gut verlÀuft, kann sie möglicherweise bereits am nÀchsten Tag in hÀusliche Pflege.
DafĂŒr steht schon ein ziemlich luxuriöses Katzen-Krankenbett bereit:
ein groĂer ehemaliger HundekĂ€fig, in dem sie sich nach der Bauchoperation geschĂŒtzt bewegen und ausruhen kann.
Danach sehen wir weiter.
Bleibt Nyx?
Das weiĂ niemand.
Und genau das ist wichtig.
Nyx ist weiterhin eine Fundkatze.
Vielleicht wird sie irgendwo vermisst.
Vielleicht hat sie bereits Menschen, einen anderen Namen und ein Zuhause.
Die Haltersuche lÀuft deshalb weiter.
Sollte sich tatsÀchlich niemand finden, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass sie bei mir bleibt.
Aber auch das wÀre keine Entscheidung allein zwischen Nyx und mir.
Hier leben bereits zwei Hunde.
Also mĂŒsste sich erst zeigen, ob Nyx sich mit ihnen sicher und wohl fĂŒhlt.
Wenn sie dauerhaft Angst vor ihnen hĂ€tte, wĂ€re âbei mir bleibenâ schlieĂlich keine besonders gute Lösung fĂŒr sie.
Die richtige Frage lautet deshalb im Moment nicht:
âBleibt Nyx fĂŒr immer?â
Sondern:
âWas braucht Nyx als NĂ€chstes?â
Und im Moment lautet die Antwort:
Gesund werden.
Eine Katze, die innerhalb eines Tages ziemlich viele Menschen beschÀftigt
Seit Nyx aufgetaucht ist, ist erstaunlich viel passiert.
Eine Nachbarin ist nicht einfach an ihr vorbeigegangen.
Die Katzenhilfe Borken wurde informiert.
Die Tierarztpraxis hat sie untersucht und operiert.
Menschen teilen ihre Geschichte auf Facebook.
Andere fragen nach, wie es ihr geht.
Und plötzlich interessieren sich Menschen, die diese kleine Katze vor einem Tag noch gar nicht kannten, dafĂŒr, ob sie ihre Operation gut ĂŒberstanden hat.
Das finde ich ziemlich schön.
Denn Nyxâ Geschichte handelt inzwischen nicht mehr nur von einer schwarzen Fundkatze.
Sie handelt auch davon, was passiert, wenn jemand nicht einfach weitergeht.
Lost & Found
Vielleicht wird das deshalb auch nicht die letzte Geschichte dieser Art auf dieser Website.
Mir sind im Laufe meines Lebens schon einige Wesen â und sogar GegenstĂ€nde â begegnet, die irgendwie aus ihrem Zusammenhang geraten waren.
Ein winziger schwarzer Kater in Luxor, der spĂ€ter Prinz Ăhrchen hieĂ.
Ein völlig orientierungsloser Golden Retriever auf der alten B67.
Ein weiterer entlaufener Hund an einer vielbefahrenen Kreuzung.
Sogar ein verlorenes Nummernschild, das wieder zu jemandem gehören musste.
Und jetzt Nyx.
Vielleicht braucht diese Website deshalb tatsÀchlich eine Rubrik namens:
Lost & Found
Kein privates FundbĂŒro.
Sondern Geschichten ĂŒber Dinge, Tiere und manchmal vielleicht auch Menschen, die irgendwo aus ihrem Zusammenhang geraten â und darĂŒber, was passieren kann, wenn jemand kurz anhĂ€lt und genauer hinsieht.
Was wir ĂŒber Nyx noch nicht wissen
Eine ganze Menge.
Woher kommt sie?
Wie lange war sie unterwegs?
Wie alt ist sie genau?
Warum war sie so ausgehungert?
Was genau hatte sie alles gefressen?
Wird sie irgendwo vermisst?
Wie verlÀuft ihre Genesung?
Kann sie mit meinen Hunden zusammenleben?
Und wird aus dem kleinen Fundtier irgendwann tatsÀchlich meine Katze?
All das ist noch offen.
Und es darf offen bleiben.
Eine Geschichte muss nicht fertig sein, bevor man anfangen darf, sie zu erzÀhlen.
Und manchmal beginnt Rettung einfach damit, genauer hinzusehen
Vor nicht einmal einem Tag war Nyx eine unbekannte schwarze Katze, die durch Burlo lief.
Dann folgte sie einer Nachbarin.
Dann kam sie zu mir.
Sie bekam etwas zu essen.
Einen Namen.
Einen Platz auf meinem SchoĂ.
Am nÀchsten Morgen fraà sie einen Ohropax.
Ein paar Stunden spÀter lag sie auf dem Operationstisch.
Und am Abend wussten plötzlich ziemlich viele Menschen, wer Nyx ist.
Die vielleicht merkwĂŒrdigste Pointe dieser ersten 24 Stunden:
Ausgerechnet der Ohropax, der zunĂ€chst wie die nĂ€chste Katastrophe aussah, fĂŒhrte dazu, dass jemand genauer hinschaute.
Und manchmal beginnt Rettung genau damit.
Jemand schaut genauer hin.
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Aktueller Stand â 19. August 2026
Nyx hat die Operation gut ĂŒberstanden.
Heute Morgen kam aus der Tierarztpraxis die Nachricht, dass es ihr gut geht.
Die formelle Fundtiermeldung bei der Stadt Borken ist inzwischen erfolgt. Gleichzeitig habe ich dort um KlÀrung gebeten, wie mit den bereits entstandenen Tierarztkosten umgegangen wird.
Ein bisheriger Halter ist weiterhin nicht bekannt.
Jetzt warten wir zunÀchst darauf, wann Nyx die Tierarztpraxis verlassen darf.
Und dann soll die kleine schwarze Patientin erst einmal in Ruhe gesund werden.
Fortsetzung folgt.
