Das Molekül ist geblieben – nur der Preis hat sich verändert.

Ein Blogbeitrag über Gas, Etikettenpolitik und das Märchen vom Boykott.


1. Wollen die uns jetzt völlig veräppeln?

Die EU-Kommission plant, bis 2028 keine russischen Gasimporte mehr zuzulassen. Als ich das las, war mein erster Impuls: “Ernsthaft? Wollen wir uns jetzt völlig veräppeln?”

Denn der Großteil des Gases, mit dem wir hierzulande heizen, kommt immer noch aus Russland. Nur: Es steht nicht mehr drauf.

Was wir sehen, ist kein echter Verzicht. Es ist ein geopolitisches Hütchenspiel. Das Molekül bleibt dasselbe – aber der Preis, die Strecke und die Schuldgefühle haben sich verändert.


2. Die Mär vom Boykott – ein Etikett für unsere Beruhigung

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat Europa Russland mit Sanktionen belegt – auch im Energiesektor. Aber was bedeutet das konkret?

  • Pipeline-Gas aus Russland fließt weiter – über die Türkei (TurkStream), durch Bulgarien, nach Ungarn und Österreich.
  • Russisches LNG (Flüssiggas) wird sogar vermehrt importiert – via Spanien, Frankreich, Belgien.

📊 2024 importierte die EU rund 52 Milliarden Kubikmeter russisches Gas.

🔁 Davon kamen etwa 32 bcm per Pipeline und ca. 20 bcm als LNG – teilweise mehr als 2023.

„Das Gas hat das Land gewechselt – nicht seinen Ursprung.“

Wir bekämpfen Putin – mit Putins Gas, nur über drei Zwischenhändler.


3. Das Gaslügen-Diagramm: Was sich wirklich ändert

Fazit: Das Gas ist dasselbe. Nur die Route hat sich verlängert, der Preis ist gestiegen – und das Gefühl, „moralisch auf der richtigen Seite“ zu sein, wird teuer erkauft.


4. Wer profitiert? Wer verliert?

📈 Gewinner:

  • Zwischenhändler mit Fantasie bei Herkunftsdeklarationen
  • LNG-Terminals, Reedereien und Pipeline-Betreiber
  • Politiker*innen, die „Unabhängigkeit“ verkünden dürfen

💸 Verlierer:

  • Bürger*innen, die die höheren Preise zahlen
  • Das Klima, durch Umwege und doppelte Umwandlung
  • Die Wahrheit – denn sie passt in keinen Sanktionstext

„Wer sich unabhängig nennt, aber dieselben Quellen nutzt, täuscht vor allem sich selbst.“


5. Lieschen fragt nach – und will’s jetzt wissen

Ich bin keine Expertin. Aber ich kann rechnen. Ich kann denken. Und ich habe ein ziemlich gutes Gefühl dafür, wenn mir jemand Sand – oder Gas – in die Augen streuen will.

3 Fragen, die ich mir stelle:

  1. Wenn fast 20 % unseres Gases noch immer aus Russland kommen – warum sagt niemand offen, wie das läuft?
  2. Warum gibt es bei Eiern Herkunftsstempel, aber bei Gas keine?
  3. Wie kann es sein, dass wir „Verzicht“ feiern, obwohl wir weiter beziehen – nur teurer?

6. Was bleibt?

Ich wünsche mir keine perfekte Energiepolitik. Ich wünsche mir ehrliche Politik.

Sag mir nicht, dass du aufhörst, russisches Gas zu kaufen – wenn du es stattdessen einfach nur umleiten lässt.

Sag mir lieber: „Wir arbeiten daran, wirklich unabhängig zu werden – aber bis dahin nutzen wir, was da ist.“

Ich kann mit Wahrheit umgehen.

Mit Etikettenlogik, nicht.


🔁 Lies mehr, frag weiter, denk selbst:

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