Warum Heinz Rudolf Kunze das Schulsystem schon verstanden hat, als wir noch Noten sammelten
Manchmal stolpert man kurz vor einem Konzert in einen Wikipedia-Artikel – und merkt plötzlich: Ach so. Daher also.
So ging es mir gerade mit Heinz Rudolf Kunze.
Kunze ist nicht einfach „der mit Dein ist mein ganzes Herz“. Er ist jemand, der 15–20 Jahre früher als viele andere begriffen hat, dass unser Schulsystem strukturell auf dem Holzweg ist – und der diese Erkenntnis nicht in Reformpapieren, sondern in Musik verarbeitet hat.
Systemkenntnis von innen
Was viele nicht wissen (oder vergessen): Kunze ist kein externer Nörgler.
Er hat Lehramt studiert, beide Staatsexamen gemacht, als Referendar unterrichtet – und sich dann bewusst gegen das System entschieden. Das ist keine Flucht, das ist eine Diagnose. Wer so geht, weiß ziemlich genau, wovon er spricht.
Lieder als Frühwarnsystem
Schon in den 80ern und 90ern tauchen bei Kunze immer wieder dieselben Motive auf:
Leistungsdruck statt Bildung Anpassung statt Denken Sprache als Dressurmittel Talente, die nicht ins Raster passen
Titel wie Wunderkinder, Brille, Eine Form von Gewalt oder Papierkrieg sind keine Befindlichkeitslyrik, sondern Institutionenkritik mit Refrain. Das, was wir heute mit Kompetenzrastern, Outputlogik und Vergleichsarbeiten beschreiben, hat er damals schon gefühlt, benannt und vertont.
Warum Musik klüger war als Pädagogik
Kunze hat etwas sehr Kluges getan:
Er hat seine Kritik nicht pädagogisch erklärt, sondern ästhetisch verpackt. Ironisch, sperrig, manchmal unbequem – aber genau dadurch haltbar.
Musik umgeht Abwehr. Sie schleicht sich rein, wo PowerPoint scheitert.
Missverstanden, weil zu früh
Kunze war lange:
zu intellektuell für reinen Pop zu poppig fürs Feuilleton zu komplex für einfache Lager
Also wurde er auf einen Hit reduziert, während das eigentliche Werk zwischen den Zeilen lief. Klassisches Schicksal früher Diagnostiker.
Und ja: „zu früh“ kenne ich auch
Vielleicht trifft mich das deshalb gerade so.
Dieses Gefühl, mit einer Diagnose, einer Beobachtung, einer Klarheit zu früh zu sein – und später festzustellen: War trotzdem richtig.
Heute Abend gehe ich auf ein Konzert.
Und höre nicht nur Musik, sondern ein frühes Protokoll dessen, was wir heute mühsam neu verhandeln.
Manche nennen das unbequem.
Ich nenne es vorausschauend.
