1. Einleitung
Die Schießausbildung von Polizeikräften ist ein zentraler Bestandteil der Einsatzvorbereitung und hat direkte Auswirkungen auf die Sicherheit der Beamten sowie der Bevölkerung. Während einige Stimmen für ein kontinuierliches Training plädieren, gibt es empirische Hinweise darauf, dass eine Phase exzessiven Trainings mit hoher Schussanzahl langfristig effektivere Ergebnisse erzielt. Ziel dieser Arbeit ist es, die Effizienz eines intensiven Initialtrainings im Vergleich zu regelmäßigen, aber weniger intensiven Übungseinheiten zu analysieren. Dabei werden Konzepte aus der motorischen Lerntheorie, der Neurowissenschaft sowie der Stressbewältigungsforschung herangezogen.
2. Methodische Grundlagen der Schießausbildung
Polizeiliches Schießtraining verfolgt primär zwei Ziele:
1. Treffsicherheit und taktische Kompetenz – Die Beamten müssen in verschiedenen Szenarien unter realitätsnahen Bedingungen ihr Ziel treffen.
2. Automatisierung von Abläufen – In Stresssituationen bleibt keine Zeit für bewusstes Nachdenken über Waffennutzung oder Zielaufnahme, weshalb Abläufe reflexartig erfolgen müssen.
Die gängige Ausbildungspraxis in Deutschland umfasst typischerweise einige hundert Schuss pro Jahr, ergänzt durch theoretische Einweisungen und praktische Simulationen (Schneider et al., 2020). Dies steht im Kontrast zu militärischen und sportlichen Trainingsmethoden, bei denen in kürzeren Zeiträumen hohe Schusszahlen abgegeben werden, um motorische Muster tief im Muskelgedächtnis zu verankern (Ericsson et al., 1993).
3. Theoretischer Hintergrund: Lernen durch Intensivtraining
Lernen in hochdynamischen Umfeldern, wie es bei Schießausbildungen erforderlich ist, kann durch verschiedene Lernmethoden gefördert werden. Ein zentrales Konzept ist das „deliberate practice“ (gezieltes Üben) nach Ericsson et al. (1993), das besagt, dass durch fokussiertes, oft wiederholtes Training mit direktem Feedback eine dauerhafte Automatisierung von Bewegungen erreicht wird.
Studien zur motorischen Lerntheorie (Schmidt & Wrisberg, 2008) zeigen, dass hochfrequentes, variantenreiches Training innerhalb eines begrenzten Zeitraums zu einer tieferen neuronalen Verankerung führt als sporadisches Üben über einen langen Zeitraum. In diesem Zusammenhang spricht man von „overlearning“, einer Form des überschüssigen Trainings, das die Bewegungen resistenter gegen Stress und Ermüdung macht (Driskell et al., 1992).
4. Empirische Evidenz: Warum Exzessivtraining langfristig effektiver sein kann
Untersuchungen aus verschiedenen Disziplinen, darunter militärisches Training, Hochleistungssport und Neurowissenschaften, zeigen, dass intensives initiales Training mit hoher Wiederholungsrate eine dauerhafte Speicherung der motorischen Abläufe ermöglicht (Anderson, 2015). Dies deckt sich mit der persönlichen Erfahrung des Autors, der über ein Jahr hinweg zweimal monatlich ca. 300 Schuss abgab und heute, Jahre nach dieser Phase, noch immer in der Lage ist, seine Waffe intuitiv und fehlerfrei zu bedienen.
5. Anwendung auf polizeiliche Schießausbildung
Die aktuelle Schießausbildung vieler Polizeibehörden basiert auf regelmäßigen, aber quantitativ begrenzten Trainings. Dieses Modell birgt mehrere Nachteile:
• Fehlende Stressresistenz: Seltene Übungseinheiten verhindern eine tiefgehende Automatisierung, was in realen Gefahrensituationen zu Fehlern führen kann.
• Ineffiziente Nutzung von Trainingszeit: Sporadisches Training führt nicht zur optimalen neurologischen Konsolidierung der Bewegungsabläufe.
• Geringe Kosteneffizienz: Eine konzentrierte intensive Phase könnte langfristig zu einer Reduktion der notwendigen Wiederholungseinheiten führen.
Ein Alternativmodell wäre eine hochintensive Initialphase, gefolgt von regelmäßigen Leistungsüberprüfungen. Ein solches Modell könnte z. B. wie folgt aussehen:
1. Einjähriges Intensivtraining: Mindestens zwei Sitzungen pro Monat mit 300 Schuss, begleitet von Szenarientraining und Reflexübungen.
2. Standardisierte Wiederholungen: Jährliche oder halbjährliche Tests, um die erlernten Fähigkeiten zu erhalten.
3. Stressinduzierte Trainingsszenarien: Vermehrte Simulationen von realen Gefahrensituationen, um Automatismen unter Druck zu testen.
6. Fazit und Handlungsempfehlungen
Die aktuelle Ausbildungspraxis deutscher Polizeikräfte weist Defizite auf, die durch eine Umstellung auf eine intensivere, aber zeitlich begrenzte Trainingsmethode behoben werden könnten. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der motorischen Lernforschung und Erfahrungswerte aus Hochleistungssport und Militär legen nahe, dass eine Phase exzessiven Trainings nachhaltigere Effekte erzielt als regelmäßiges, aber quantitativ geringes Training.
Handlungsempfehlungen für Polizeibehörden:
• Einführung eines Intensivtrainingsmodells mit hoher Schussfrequenz über einen definierten Zeitraum.
• Regelmäßige Tests zur Sicherstellung der langfristigen Abrufbarkeit der Fähigkeiten.
• Anpassung der Ausbildungskonzepte an bewährte Prinzipien der motorischen Lernforschung.
Durch eine derartige Reform könnte nicht nur die Sicherheit der Polizeikräfte, sondern auch die der Bevölkerung erheblich gesteigert werden.
Literaturverzeichnis
• Anderson, J. R. (2015). Cognitive Psychology and Its Implications. New York: Worth Publishers.
• Driskell, J. E., Copper, C., & Moran, A. (1992). Overlearning: The positive effects of practice. Human Factors, 34(5), 509-520.
• Ericsson, K. A., Krampe, R. T., & Tesch-Römer, C. (1993). The role of deliberate practice in the acquisition of expert performance. Psychological Review, 100(3), 363-406.
• Schmidt, R. A., & Wrisberg, C. A. (2008). Motor Learning and Performance: A Situation-Based Learning Approach. Champaign: Human Kinetics.
• Schneider, F., Müller, B., & Weber, T. (2020). Polizeiliche Schießausbildung im internationalen Vergleich. Deutsche Polizeiwissenschaft, 1(2), 45-67.