Analyse: „Der Steinkohle-Bergbau ist nicht gestorben, er wurde getötet!“

Die Aussage „Der Steinkohle-Bergbau ist nicht gestorben, er wurde getötet!“ impliziert, dass das Ende des deutschen Steinkohlebergbaus kein rein natürlicher, marktbedingter Vorgang war, sondern das Resultat bewusster Entscheidungen und Einflussnahmen. Im Folgenden wird diese These aus wirtschaftshistorischerspieltheoretischer und geopolitischer Perspektive analysiert – mit Fokus auf Deutschland (Stilllegung aller Zechen bis 2018) sowie im Vergleich mit dem Vereinigten Königreich (Thatcher-Ära), Frankreich und Belgien (früherer Ausstieg) und China & USA (wo Kohle weiterhin eine Rolle spielt).

Hintergrund: Niedergang des Steinkohlebergbaus in Deutschland (1960er–2018)

Zur Einordnung zunächst ein Überblick über die Entwicklung des Steinkohlebergbaus in Deutschland von der Nachkriegszeit bis zur Schließung der letzten Zeche 2018:

• 1950er Boom: In den Wiederaufbaujahren stützt sich Westdeutschlands Energieversorgung stark auf heimische Steinkohle . 1957 erreicht die Förderung mit ~150 Mio. Tonnen ihren Höhepunkt; über 600.000 Bergleute sind beschäftigt . Steinkohle deckt rund zwei Drittel des Primärenergieverbrauchs .

• „Kohlekrise“ ab 1958: Die Liberalisierung der Energiemärkte und das Ende der Suezkrise 1957 öffnen den Weg für billiges Import-Öl . In den 1960ern wird Kohle im Wärmemarkt rasch durch günstigeres Heizöl verdrängt . Bereits 1960 kommt es zur ersten großen Zechenschließung (Wilhelmine Victoria in Gelsenkirchen) . Bis 1970 sinkt die Jahresförderung auf ca. 110 Mio. Tonnen und die Belegschaft schrumpft auf 253.000 Beschäftigte – ein Rückgang um fast 60% binnen eines Jahrzehnts.

• Strukturanpassung und Subventionen: Um das sogenannte „Zechensterben“ zu bewältigen, wird 1968 die Ruhrkohle AG (RAG) als Zusammenschluss von 23 Bergwerksunternehmen mit ~120 Zechen gegründet . Gesetzliche Abnahmegarantien und umfangreiche Staatshilfen stützen in den 1970/80er Jahren den Fortbestand: Langfristige Lieferverträge mit Stahl und Strom, Kokskohle- und Verstromungsbeihilfen sowie Importbeschränkungen für billigere Auslandskohle bis 1995 . Diese „Kohleschutzpolitik“ wird mit Versorgungssicherheit und Vermeidung sozialer Verwerfungen begründet . Dennoch muss die Förderung kontinuierlich gedrosselt werden.

• Weitere Rückgänge: Anfang der 1990er liegt die Förderung noch bei etwa 70 Mio. Tonnen (1990 ~19% des Primärenergieverbrauchs, nach 70% im Jahr 1950) . Die ostdeutschen Steinkohlezechen (z.B. in der Lausitz) werden nach der Wiedervereinigung ebenfalls geschlossen.

• „Kohlekompromiss“ 1997: Angesichts hoher Kosten einigt sich die Regierung Kohl nach heftigen Protesten der Kumpel (u.a. Massen-Demonstrationen in Bonn im März 1997) mit den Bergbauländern und Gewerkschaften auf einen Anpassungsplan . Ziel ist ein „langfristig überlebensfähiger“ Bergbau auf kleiner Flamme : Die Förderkapazität wird auf 26 Mio. Tonnen reduziert und alle Zechen in der Deutschen Steinkohle AG (DSK) gebündelt. Trotzdem bleibt die Branche weiter auf Subventionen angewiesen.

• Beschluss des Ausstiegs 2007: Am 7. Februar 2007 verständigen sich Bund, Nordrhein-Westfalen, das Saarland, die RAG AG und die IG BCE schließlich darauf, die subventionierte Steinkohlenförderung bis Ende 2018sozialverträglich zu beenden . Dieses Ausstiegsdatum wird in Gesetzesform gegossen – mit einer Revisionsklausel für 2012.

• Druck aus Brüssel 2010: Die EU-Kommission drängt auf ein schnelleres Ende der Beihilfen. Um einen Kompromiss zu erzielen, streicht Berlin die Revisionsklausel und signalisiert den endgültigen Ausstieg 2018 . Eine EU-Richtlinie erlaubt Beihilfen nur noch für Zechen, die spätestens zum 31. Dezember 2018 schließen .

• Letzte Zechen schließen 2018: Im August 2018 fördert Prosper-Haniel in Bottrop das letzte Kohlenflöz; am 21. Dezember 2018 wird dort feierlich das letzte Stück Steinkohle gehoben . Damit endet nach über 200 Jahren die Ära des Steinkohlebergbaus in Deutschland . Kein Kumpel fällt ins „Bergfreie“ – dank jahrzehntelanger Anpassung konnten zehntausende Bergleute in Rente oder neue Jobs wechseln. Die gesamte heimische Kohlen-Nachfrage wird seither zu 100% durch Importe gedeckt , vor 2022 vor allem aus Russland (~45–50 %), den USA (~18 %) und Australien (~12 %) .

Diese Timeline verdeutlicht, dass der deutsche Steinkohlebergbau nicht plötzlich „starb“, sondern schrittweise „zu Grabe getragen“ wurde – durch ökonomischen Druck von außen und politisch gesteuerte Ausstiegsprozesse. Im Folgenden werden die zugrundeliegenden Faktoren analysiert.

Wirtschaftshistorische Analyse

Strukturwandel und Kostenproblematik

Wettbewerbsnachteile: Deutsche Steinkohle war ab den späten 1950ern strukturell zu teuer. Gründe waren geologische Gegebenheiten (tiefe, schwierig abzubauende Flöze im Ruhr- und Saarrevier) und hohe Lohnkosten im Vergleich zu Tagebauen oder Importkohle. Bereits Mitte der 1960er überschritten die Förderkosten der heimischen Kohle dauerhaft die Preise für Importkohle . In den 1970ern/80ern lagen die Kosten pro Tonne deutscher Steinkohle oft doppelt so hoch wie Weltmarktpreise . 2017 z.B. betrugen die Abbaukosten ~180 € pro Tonne, während Importkohle (ähnlicher Qualität) nur ~86–96 € kostete . Ohne preisliche Wettbewerbsfähigkeit war ein freier Fortbestand am Markt unmöglich.

Substitution durch andere Energieträger: Heimische Kohle verlor ihre dominante Rolle im Energiemix mit Aufkommen günstiger Alternativen. In den 1960ern verdrängte Erdöl die Kohle aus Industrie und Heizungsmarkt beinahe vollständig . Ab den 1970ern gewann auch Erdgas an Bedeutung – in Westdeutschland zunächst durch Importe aus der Sowjetunion ab 1973 (Erdgasleitungen nach Orenburg etc.). Zudem stieg die Stromerzeugung aus Kernkraftab den späten 1960ern rapide an, vor allem in Frankreich (was dort Kohlekraft ersetzte) . Folge: Die Nachfrage nach teuerer heimischer Kohle sank beständig. Deutschlands Primärenergieverbrauch wuchs zwar noch bis in die 2000er, aber der Anteil der Steinkohle schrumpfte von ~70 % (1950) auf 11 % (2017) . Die einst strategische Schlüsselressource wurde zur residuale Größe im Energiesystem.

Staatliche Subventionspolitik: Der deutsche Staat reagierte auf den Niedergang mit umfangreicher Unterstützung, um soziale Härten abzufedern und zeitweise aus energiepolitischen Motiven. Bereits ab Ende der 1950er forderten Bergbau-Lobby, Gewerkschaften und einige Politiker Schutzmaßnahmen . In der Hochzeit der „Kohleschutzpolitik“ (1960er–1980er) flossen jährliche Milliardenhilfen: z.B. Verstromungsprämien (Zuschüsse an Stromkonzerne, damit diese teure inländische Kohle verstromen) und Kokskohlenbeihilfen (Unterstützung für Stahlwerke beim Bezug von deutschem Koks) . Bis 1995 schirmte man den Markt sogar mit Importquoten gegen billigere Auslandskohle ab . Zudem gab es ab 1975 die Umlage „Kohlepfennig“ auf Stromrechnungen, um den Steinkohleabsatz zu stützen – bis sie 1994 vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde.

Diese Politik resultierte in enormen Summen: Insgesamt ~337 Milliarden Euro an Finanzhilfen erhielt der Steinkohlesektor von 1970 bis 2016 (inflationsbereinigt), ohne die er schon viel früher kollabiert wäre. Damit wurde faktisch ein sozialverträglicher Rückzug finanziert – im Gegensatz zu einem abrupten Marktaustritt. Wichtig: Die Subventionen verbilligten nicht den Endpreis von Kohle (kein Dumping), sondern glichen lediglich die Differenz zu Weltmarktpreisen aus, um die Produktion künstlich am Leben zu halten . Das heißt, Kohle wurde künstlich am Leben erhalten, bis man sich politisch zum Ausstieg durchrang.

Strategische (Fehl-)Entscheidungen: Wirtschaftshistoriker wie Werner Abelshauser kritisieren, dass die Anpassung in Phasen konzeptionslos verlief . So wurden teils sogar leistungsstarke Zechen mit Stilllegungsprämien zur Aufgabe bewegt – ein Indiz dafür, dass politische Deals (z.B. zur Reduktion der Überkapazität) Vorrang vor betriebswirtschaftlicher Logik hatten. Auch wurde der Strukturwandel im Ruhrgebiet anfangs verzögert, indem man an der Illusion einer „Zukunft“ für den Bergbau festhielt (Stichwort: „langfristig lebensfähiger Restbergbau“). Während etwa Frankreich schon in den 1980ern konsequent neueinstellungen stoppte und auf andere Energien setzte , versuchte Deutschland lange, einen Kernbestand an Bergbau zu erhalten – was enorme Kosten verursachte und letztlich doch scheiterte. Im Nachhinein erscheint dies als Fehlentscheidung: Die Milliarden hätten früher in Diversifizierung der Revierwirtschaft investiert werden können. Gleichzeitig muss man bedenken, dass z.B. der Ölpreisschock 1973 kurzfristig einen energiepolitischen Wert der Kohle zeigte, was die Schutzpolitik rechtfertigte. Dennoch: Spätestens ab den 1990ern war klar, dass die Steinkohle keine Zukunft am Markt hat – der spätere Ausstieg war also eher eine Frage des „Wann“ und „Wie“, nicht des „Ob“.

Interessen mächtiger Akteure in der Kohlewirtschaft

Der Niedergang der Steinkohle wurde von unterschiedlichen Akteursgruppen geprägt, die teils gegensätzliche wirtschaftliche Interessen verfolgten:

• Bergbauunternehmen (RAG/DSK): Für die Ruhrkohle AG (später Deutsche Steinkohle AG) und ihre Eigentümer war klar, dass ohne Subventionen kein Profit zu machen war. Ihr Interesse lag darin, den Staat möglichst lange zur Finanzierung der Verluste zu bewegen. So galt die Faustformel: Verluste = Differenz Produktionskosten – Importpreis werden vom Staat ausgeglichen . Solange dies garantiert war, bestand wenig Anreiz für radikale interne Reformen. Allerdings wandelte sich RAG im Laufe der Jahre vom reinen Kohleförderer zu einem diversifizierten Konzern (Chemie, Immobilien etc.), der mit Hilfe der RAG-Stiftung (gegründet 2007) schließlich den geordneten Rückzug organisierte. Aus Unternehmenssicht war es rational, den Ausstieg mit staatlicher Übernahme der Ewigkeitskosten (Grubenwasserhaltung, Bergschäden) zu verknüpfen – was 2018 erreicht wurde.

• Stahl- und Energieindustrie: Die großen Abnehmer deutscher Kohle (Stahlkonzerne und Energieversorger) hatten ein zwiespältiges Interesse. Einerseits war heimische Kohle teurer – andererseits garantierten langfristige Verträge und Zuschüsse, dass sie diese zu Weltmarktpreisen beziehen konnten . Insofern arrangierten sie sich mit dem subventionierten Bergbau. Durch Importbegrenzungen waren sie bis 1995 teils gezwungen, deutsche Kohle abzunehmen . Danach hatten sie freie Wahl und bevorzugten billige Importkohle – was den politischen Druck zur Schließung der teuren Zechen verstärkte. Insgesamt waren diese Industriezweige weniger lautstark in der Debatte; sie passten sich pragmatisch an (z.B. Umstellung auf Importkohle, oder – im Stromsektor – Bau von Öl- und Gaskraftwerken ab den 1970ern).

• Gewerkschaften und Bergleute: Die IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) (bzw. Vorgänger IG Bergbau und Energie) war eine der mächtigsten Einzelgewerkschaften der Nachkriegszeit – eng verflochten mit der SPD. Ihr primäres Interesse war Erhalt der Arbeitsplätze und soziale Absicherung der Kumpel. Sie trat vehement für Subventionen und gegen Zechenschließungen ein, notfalls mit Arbeitskämpfen. In den 1960/70ern konnte sie über die Montanmitbestimmung und politisches Gewicht viele Kompromisse erzwingen. Jede geplante Absenkung der Förderung traf auf Widerstand. So kommentierte ein Zeitzeuge: „Ohne Subventionen der heimischen Kohleförderung wären Entscheidungen über Art und Standort der Kraftwerke anders gefällt“ – sprich: Aus Gewerkschaftssicht sicherten die Hilfen einen Bestandsschutz für den hohen Kohleanteil an der Energieerzeugung . Erst als die Zahl der Beschäftigten immer weiter sank (auf ~30.000 in den 2000ern), schwand die Schlagkraft. Dennoch erreichte die Gewerkschaft im Kohlekompromiss 2007 Zugeständnisse wie keine betriebsbedingten Kündigungen, Vorruhestandsregelungen und die Übernahme der Lasten durch die RAG-Stiftung.

• Politik (Bund, Länder): Bundesregierungen – ob CDU/FDP oder SPD-geführt – standen jahrzehntelang vor einem Dilemma: Marktorientierung vs. Sozialpflicht. Konservative Wirtschaftsflügel (etwa Ludwig Erhard in den späten 1950ern) neigten dazu, den Bergbau dem Markt anzupassen, während sozialdemokratische Kräfte (z.B. NRW-Landesregierungen) maximale Hilfen und Zeit für den Umbau forderten. Tatsächlich verfolgten alle Bundesregierungen bis in die 1990er eine Art Zeitkauf-Strategie: Man wollte soziale Unruhen vermeiden und argumentierte mit Versorgungssicherheit (Stichwort Ölkrise) . Gleichzeitig war man sich der Ineffizienz bewusst. Das führte zu zig „Kohlerunden“: immer wieder wurden in Regierungsrunden Fördermengen und Hilfen neu austariert . Die Landesregierungen von NRW und Saarland – wo die Zechen lagen – waren zumeist stark pro Kohle (NRW lange SPD-geführt mit „Kumpel tradition“). Sie hatten Interesse, Strukturbrüche zu verhindern, da sonst ihre Regionen von Arbeitslosigkeit getroffen würden. Daher drängten sie auf Bundesmittel für den Bergbau.

• EU / EG: Auf europäischer Ebene spielten Kohle und Stahl seit der Montanunion (EGKS) 1952 eine besondere Rolle. Die EGKS setzte in den 1950ern auf Marktintegration, was für Deutschland auch hieß, Preisbindungen aufzugeben . Später, als viele Mitgliedstaaten ihre Steinkohleförderung aufgaben (Frankreich, Belgien in den 1960ern–80ern), kam Druck auf Deutschland auf, die dauerhaften Hilfen zu rechtfertigen. Die EU-Wettbewerbspolitik sah Dauerbeihilfen skeptisch. In den 1990ern erlaubte die EU-Kommission die Subventionen nur noch unter der Prämisse eines sozialverträglichen Abbaus. Schließlich beschloss der EU-Ministerrat 2010, dass staatliche Beihilfen für Steinkohle bis spätestens 2018 auslaufen müssen . Damit wurde von außen der Schlusspunkt gesetzt, den Deutschland intern schon 2007 vereinbart hatte . Die EU-Entscheidung war also weniger Auslöser als vielmehr Bestätigung des Kurses, nahm aber z.B. Spanien den Spielraum für eine Verlängerung (Spanien musste ebenfalls 2018 schließen).

Fazit (wirtschaftshistorisch): Der Steinkohlebergbau in Deutschland starb nicht „natürlicherweise“, weil er dank massiver staatlicher Stützung viel länger am Leben blieb, als es Marktkräfte erlaubt hätten. Letztlich wurde er aber „getötet“ – sprich gezielt beendet –, als die Kosten immer drückender und Alternativen verfügbar waren. Die wirtschaftshistorische Entwicklung zeigt ein organisiertes Sterbenlassen: Was in anderen Ländern teils schon in den 1960ern (Belgien, Frankreich) oder 1980ern (UK) vollzogen wurde, geschah in Deutschland verlangsamt und planvoll. Entscheidende Faktoren waren der ökonomische Konkurrenzdruck (Öl, Gas, Importkohle) und das Abwägen politischer Interessen: Lange Zeit siegte die sozialpolitische Rücksicht (Weiterförderung) über die Marktlogik, bis schließlich die politische Entscheidung fiel, den Bergbau kontrolliert auslaufen zu lassen – also „den Stecker zu ziehen“.

Spieltheoretische Analyse: Akteure, Strategien, Einflussnahme

Die Interaktionen der genannten Akteure lassen sich auch spieltheoretisch betrachten. Vereinfachend kann man ein „Spiel“ zwischen Regierung, Gewerkschaft und Industrie skizzieren, in dem jede Seite strategische Züge unternimmt:

• Regierung vs. Gewerkschaft (Arbeitskampf-Spiel): Dieses Verhältnis ähnelte phasenweise einem Chicken Gameoder einer Kampf der Nerven-Situation. Die Regierung konnte drohen, Subventionen zu kürzen (Zechenschließungen), was der Gewerkschaft schadet; die Gewerkschaft konnte mit Streiks und Protest drohen, was politischen Schaden verursacht. In Deutschland wählte man meist kooperative Lösungen: Beide Seiten wichen einem Frontalzusammenstoß aus. Beispiel: Als 1997 die Kohl-Regierung drastische Kürzungen plante, mobilisierten tausende Bergleute und drangen sogar in die Bannmeile des Bundestags vor . Kanzler Kohl verschob daraufhin die Entscheidung – er wollte nicht „unter dem Druck der Straße“ agieren, aber de facto musste er die Gewerkschaft ernst nehmen . Am Ende stand ein Kompromiss (Kohlekompromiss ’97), bei dem die Gewerkschaft Zugeständnisse (Abbau von Arbeitsplätzen über Vorruhestand) akzeptierte, dafür aber ein Restbergbau und Sozialpläne gesichert wurden . Ausgangspunkt: Beide Seiten wussten, dass ein harter Konflikt Verluste bringt – die Regierung fürchtete soziale Unruhe, die Gewerkschaft das völlige Ende der Kohle. Somit spielten sie über Jahrzehnte ein wiederholtes Spiel mit immer neuen Verhandlungen, anstatt alles auf eine entscheidende Konfrontation ankommen zu lassen.

Im Vereinigten Königreich lief dieses Spiel ganz anders ab: 1984/85 kam es zum offenen Showdown zwischen Premierministerin Margaret Thatcher und der Bergarbeitergewerkschaft NUM. Thatcher bereitete sich strategisch vor (Vorratslager an Kohle, Polizeikräfte) und scheute nicht die Konfrontation. Die Gewerkschaft unter Arthur Scargill streikte ein Jahr lang, gab aber schließlich auf – die Regierung setzte sich durch. Thatcher’s Motiv war dabei keineswegs eine „grüne Strategie“, sondern gezielt die Entmachtung der Gewerkschaften: Es gibt deutliche Belege, dass sie den Bergbau vor allem deshalb drastisch verkleinerte, um der NUM einen „tödlichen Schlag“ zu versetzen und die Trade Unions insgesamt zu schwächen . Nach dem Sieg der Regierung wurden im UK massenhaft Zechen geschlossen; die Gewerkschaft hatte in diesem „Spiel“ alles riskiert und verloren. Das Ergebnis war ein sehr schneller Kollaps der Kohleindustrie in den späten 1980ern. Deutschland verfolgte demgegenüber das Modell der sozialen Marktwirtschaft: Konflikte wurden durch Verhandlungen befriedet, nicht durch maximalen Zwang. Erst als die Gewerkschaft wegen weniger Mitglieder schwächer war und die öffentliche Meinung sich drehte, konnte der Staat den endgültigen Ausstieg beschließen – dann allerdings im Einvernehmen mit der IG BCE (2007). Dieses kooperative Spiel verhinderte einen Sieger-Verlierer-Ausgang wie in UK, verlangsamte aber den Rückzug.

• Staat und Unternehmen (Subventions-Spiel): Zwischen Staat und RAG lief im Grunde ein wiederholtes Verhandlungsspiel um Subventionshöhen. Die RAG konnte glaubhaft drohen, Zechen stillzulegen, wenn Hilfen nicht ausreichen – was die Politik wegen der Folgen vermeiden wollte. Der Staat wiederum konnte Konditionen stellen (z.B. Produktivitätssteigerungen, Personalabbau) als Gegenleistung für Geld. Lange Zeit war die gleichgewichtige Strategie: Der Staat zahlt gerade so viel, dass die wichtigsten Zechen offenbleiben, und die RAG rationalisiert gerade so viel, dass politische Mehrheiten die Hilfen noch tragen. Dieses fragile Gleichgewicht wurde regelmäßig neu justiert (Stichwort „Kohlepfennig“ Einführung 1975, Abschaffung 1995, Ersatz durch Bundesmittel). Als die EU 2010 feste Abbaupfade vorgab (Reduzierung der Hilfe um 75 % bis 2017) , änderte sich das Payoff für die RAG: Ein Weitermachen wurde unattraktiv, da klar war, dass 2018 Schluss ist. Also drehte die RAG ihre Strategie und kooperierte beim Ausstieg – Gründung der RAG-Stiftung, Diversifikation und PR-Kampagne „Glückauf Zukunft“. Spieltheoretisch wechselte man vom Konflikt- in den Kooperationsmodus, als das Endspiel absehbar war.

• Bund vs. Länder (föderales Spiel): Auch hier gab es Strategien: Der Bund wollte Kosten begrenzen, die Kohle-Länder (v.a. NRW) wollten maximale Unterstützung. NRW konnte drohen, im Bundesrat Gesetze zu blockieren oder medienwirksam „Kumpel“ nach Bonn zu schicken (was ja geschah). Der Bund wiederum konnte auf EU-Vorgaben oder die Haushaltslage verweisen, um Zugeständnisse der Länder zu erzwingen. Meist einigte man sich in Kohlekommissionen (z.B. 1997, 2007), wo beide Ebenen vertreten waren. Das Ergebnis war ein „kooperativer Föderalismus“: Die Länder bekamen lange Zeit Hilfsgelder für ihre Reviere; im Gegenzug stimmten sie dem Enddatum 2018 zu, als der Bund dieses (auch auf EU-Druck) festzurrte .

• Industrie vs. Umwelt/Liberalismus: Ein anderes Akteursfeld betrifft politische Einflussnahme von Interessengruppen. In den 1980ern und mehr noch 1990ern erstarkten Umweltverbände und neoliberale Think-Tanks, die den Kohlebergbau als Sorgenkind sahen – ökologisch schädlich und ökonomisch ineffizient. Die Grünenkritisierten seit ihrer Gründung die „Kohlesubventionen“. Auch liberal-konservative Kreise (Wirtschaftsweise, CDU-Wirtschaftsrat) forderten ein Ende der „Dauerhilfe“. Diese Gruppen hatten indirekt Einfluss, indem sie die öffentliche Meinung veränderten: Ab etwa 2000 wurde in breiten Medien Kohlesubvention als nicht mehr zeitgemäß dargestellt (als „subventionierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“). Dies reduzierte den politischen Nutzen, weiter am Bergbau festzuhalten. Mächtige Gegner der Kohle waren z.B. auch die Kernenergie-Lobby, welche in den 1970ern argumentierte, Atomstrom könne heimische Kohle ersetzen – ein strategisches Narrativ, um Akzeptanz für AKWs zu schaffen. In der Tat setzte Frankreich voll auf Kernkraft und konnte darum seine Zechen schließen, ohne Energieengpässe zu fürchten . Deutschland ging einen Mittelweg, baute sowohl AKWs als auch behielt Kohle – was man als ausbalanciertes Strategiespiel der Energieakteure sehen kann.

Gezielte politische Einflussnahme: Die Formulierung der These („getötet“) deutet auch an, dass gewisse Akteure absichtlich den Bergbau aus politischen Gründen beendeten. Tatsächlich gibt es Beispiele hierfür:

• Thatcher vs. NUM (UK): Wie oben erwähnt, verfolgte Thatcher explizit das Ziel, die Bergbaugewerkschaft zu zerschlagen. Ihre Politik der Zechenschließungen in den 1980ern war weniger ökonomisch (viele britische Zechen waren zwar defizitär, aber die Schnelligkeit des Abbaus war politisch motiviert) und mehr ideologisch geprägt . Hier wurde der Bergbau „getötet“, um ein machtvolles soziales Bollwerk (die Gewerkschaften) auszuschalten.

• EU-Entscheidung 2010: Die EU kann man ebenfalls als Akteur sehen, der den deutschen Steinkohlebergbau „tötete“. Allerdings war dies ein absehbarer Schritt – eher ein Akt, das künstlich am Leben Gehaltene endlich sterben zu lassen. Die EU wollte Wettbewerbsverzerrungen durch nationale Beihilfen beenden . Man kann vermuten, dass Länder ohne nennenswerte Kohleförderung (z.B. die, die ihren Ausstieg längst abgeschlossen hatten) Interesse hatten, dass Deutschland nachzieht, um im Strommarkt keine indirekten Vorteile mehr zu gewähren. So gesehen war der EU-Beschluss eine gezielte Einflussnahme externer Akteure, die das Ende beschleunigte.

• Rolle Russlands/OPEC: Ein spekulativer geopolitischer Aspekt ist, ob große Energielieferanten ein Interesse daran hatten, dass Europa seine eigene Kohleproduktion aufgibt, um abhängig von Importen zu werden. In den 1960er Jahren drängte z.B. die USA (als Alliierter) Westdeutschland keineswegs, an Kohle festzuhalten – im Gegenteil, US-Ölkonzerne profitierten vom Ölboom in Europa. Die Sowjetunion hatte ab den 1970ern ein Interesse, mehr Gas nach Westeuropa zu liefern; ein Deutschland ohne eigene Kohle bot hier Marktchancen. Allerdings spielten solche Einflüsse eher indirekt über Preis und Angebot.

In spieltheoretischer Summe lässt sich sagen: Deutschland wählte kooperative Strategien, um den Konflikt um die Kohle zu lösen – das „Spiel“ endete in einem ausgehandelten Gleichgewicht (Ausstieg mit Konsens), während etwa in Großbritannien ein konfrontativer Schlagabtausch stattfand mit klarem Sieger (Regierung) und Verlierer (Gewerkschaft). Die Metapher vom „getöteten“ Steinkohlebergbau passt insbesondere dort, wo politische Akteure bewusst den Todesstoß versetzten – sei es aus fiskalischen Gründen (EU/Deutschland 2018) oder machtpolitischen (Thatcher vs. NUM).

Um die Akteurslandschaft und ihre Interessen abschließend zu verdeutlichen, hilft eine Übersicht („Mindmap“):

Akteure und Interessen im Steinkohleausstieg (Deutschland):

• Politik:

• Bundesregierung/Bundestag: muss Bundeshaushalt und Gesamtwirtschaft im Blick haben; schwankt zwischen Kostensenkung und Sozialfrieden. Ab 2000er kommt Klimapolitik hinzu (weniger CO₂).

• Landesregierungen (NRW, Saarland): fürchten Arbeitslosigkeit und Strukturprobleme, drängen auf Erhalt/Subventionen; vertreten Bergbau-Interessen im Bund.

• EU: will Wettbewerbsverzerrung abbauen und Klimaziele fördern; drängt auf Ende der Beihilfen bis 2018 .

• Parteien: SPD traditionell pro-Kohle (Arbeitnehmer, Revier-Stimmen), CDU teils pro (Konrad Adenauer war z.B. starker Verfechter der Ruhrkohle), teils contra (Wirtschaftsflügel); Grüne und FDP gegen Kohlesubvention (ökologisch bzw. ordnungspolitisch).

• Wirtschaft:

• Bergbaukonzerne (RAG/DSK): wollen Verluste vom Staat getragen bekommen, streben geordneten Rückzug an statt abruptem Bankrott; nutzen Lobbying (Wirtschaftsvereinigung Bergbau) um Politik zu beeinflussen.

• Energieversorger (RWE, EVONIK etc.): als Abnehmer an zuverlässiger Kohlelieferung interessiert, aber zum günstigsten Preis – also offen für Import, solange Versorgung gesichert. Nutzen Kohlestrom, aber bauen in 1990ern vermehrt Gaskraftwerke (gas lobby).

• Stahlindustrie (ThyssenKrupp…): braucht Koks für Hochöfen, bekam bis in die 90er günstigen inländischen Koks durch Beihilfen; später Umstieg auf Importkoks. Interesse: günstige Rohstoffe, egal ob heimisch oder Import.

• Alternativindustrien: Öl- und Gaswirtschaft profitieren vom Rückgang der Kohle (Marktanteile); Erneuerbare-Energien-Branche (später) ebenfalls indirekter Gewinner eines Kohleausstiegs.

• Gewerkschaften und Arbeitnehmer:

• IG Bergbau, Chemie, Energie: oberstes Ziel Erhalt von möglichst vielen Arbeitsplätzen bzw. Absicherung der Kumpel (Sozialpläne, Rente mit 50 etc.). Setzt auf politische Allianzen (SPD) und Mobilisierung der Öffentlichkeit („Wir sind das Revier“ Kampagnen). War lange mit in Aufsichtsräten (Montanklausel).

• Bergleute/Familien: kulturell stark mit dem Beruf verbunden (Stichwort „Bergbautradition“), hoher Zusammenhalt. Ihre Protestbereitschaft ist ein Faustpfand der Gewerkschaft.

• Zivilgesellschaft:

• Umweltbewegung: Ab 1970er (Smog/Azidregen-Debatte) zunehmend kritisch gegenüber Kohleabbau und -verstromung. Greenpeace & BUND prangern besonders klimaschädliche Braunkohle an, aber auch Steinkohle wegen CO₂. Leisten Aufklärungsarbeit über Subventionshöhe, um Stimmung gegen „Kohlepolitik“ zu machen.

• Steuerzahler/Öffentlichkeit: Mit der Zeit schwindet in der allgemeinen Bevölkerung die Akzeptanz für dauerhafte Hilfen an eine „Sterbende Industrie“. Medienberichte in 2000ern hinterfragen Sinn der Kohlesubventionen, was politischen Rückhalt reduziert.

Diese Konstellation zeigt: Der „Tod“ des Steinkohlebergbaus in Deutschland war das Resultat eines langen Aushandlungsprozesses zwischen vielen Stakeholdern, nicht einfach Marktversagen. Jeder Zug (z.B. Subventionskürzung) rief Gegenreaktionen hervor, bis schließlich ein Konsens zum geordneten Ende erreicht wurde.

Geopolitische Analyse

Auch geopolitische Überlegungen spielten beim Niedergang des Steinkohlebergbaus eine Rolle – teils als Motivation, teils als Konsequenz des Ausstiegs. Hier sind drei Perspektiven relevant: Energieversorgung und -sicherheitglobale Lieferketten/Importabhängigkeit und klimapolitische Führung.

Energiepolitische Strategie Deutschlands und Kohleausstieg

Versorgungssicherheit vs. Abhängigkeit: In der jungen Bundesrepublik galt heimische Kohle als Garant für energetische Unabhängigkeit. Nach dem Krieg und während der Korea-Krise (1950er) war die Sorge groß, dass Importenergie unsicher oder zu teuer sein könnte. Deshalb wurde zunächst an der heimischen Förderung festgehalten – Kohle war ein strategischer Rohstoff . Allerdings änderte sich der Wind mit zunehmender Globalisierung der Energiemärkte: In den 1960ern wurde Erdöl aus Nahost im Überfluss angeboten (die großen Ölkonzerne, viele mit Sitz in den USA/UK, dominierten den Markt) . Westdeutschland entschied sich, von dieser billigen Energiequelle zu profitieren, auch wenn das eine Abhängigkeit von OPEC-Staaten bedeutete. Der kurzfristige ökonomische Vorteil überwog die langfristigen Sicherheitsbedenken. Tatsächlich bewahrheitete sich das Risiko: Die Ölkrisen 1973 und 1979 trafen Deutschland hart. Interessanterweise führte dies aber nicht zu einer Renaissance der Steinkohle – stattdessen forcierte man die Diversifizierung: Ausbau der Kernenergie (um unabhängig von Öl zu sein) und vermehrte Gasbezüge aus dem Ausland.

Bereits ab 1973 importierte Deutschland Erdgas aus der Sowjetunion (Pipeline Deal „Erdgas Röhren“). In den 1980ern trotzte man dem Druck der USA, diese Gasimporte zu begrenzen – man setzte auf Wandel durch Handel. Somit entstand eine neue Abhängigkeit: russisches Gas. In den folgenden Jahrzehnten, während der inländische Kohleabbau heruntergefahren wurde, stieg der Anteil russischen Erdgases am deutschen Verbrauch kontinuierlich an (bis ca. 35–50 % in den 2010er Jahren) – was später (Ukraine-Krise 2022) als Problem deutlich wurde. Mit jedem heimischen Bergwerk, das schloss, argumentierten Kritiker, steige die Importabhängigkeit. Allerdings importierte Deutschland auch Steinkohle selbst auf dem Höhepunkt des heimischen Abbaus schon teilweise (besonders nach Ende der Importquoten 1995). Nach 2018 mussten 100 % der Steinkohle importiert werden – größter Lieferant: Russland mit fast der Hälfte der Menge (Stand 2020) . Somit begab man sich aus geopolitischer Sicht in eine Position, in der eine ehemalige Eigenressource komplett von globalen Lieferketten abhängig war.

Warum trotzdem Ausstieg? Die geopolitischen Risiken (Abhängigkeit von Russland, Kolumbien, USA für Kohle bzw. Gas) wurden zwar erkannt, aber anders bewertet: Erdgas aus Russland galt bis vor kurzem als zuverlässig und günstiger Brennstoff, der zudem klimapolitisch erwünschter war als Kohle. Die Annahme war, dass Importe am Weltmarkt diversifiziert werden können und Krisen unwahrscheinlich sind – ein Kalkül, das bis 2022 aufging, dann aber in der Tat Probleme machte. Deutschland setzte auch stark auf die europäische Integration: Im EU-Binnenmarkt war Energiehandel selbstverständlich, und man vertraute auf Partner (z.B. Kohleimporte aus EU-Ländern Polen oder via Rotterdam).

Geopolitisch bedeutete der Steinkohle-Ausstieg also eine Verlagerung der Risiken: Weg von internen sozialen Konflikten und technischen Sicherheitsrisiken (Grubengas, Unfälle) hin zu Risiken wie Lieferunterbrechungen, Preisschocks oder politischer Erpressbarkeit durch Lieferländer. Bis 2018 wurden diese Risiken als beherrschbar angesehen. Zudem reduzierte Deutschland seine Verletzbarkeit in anderer Hinsicht: Kohle wurde auf dem Weltmarkt von vielen Ländern angeboten (Russland, USA, Australien, Südafrika, Kolumbien u.a.), sodass ein Ausfall eines Lieferanten kompensierbar schien. Bei Gas hingegen war die Abhängigkeit stärker monofokal (Russland), was sich aber erst spät als Problem manifestierte. Kritiker merken an, der Verzicht auf eigene Kohle habe die Abhängigkeit von russischem Gas bewusst erhöht, was z.B. Gerhard Schröder (Ex-Kanzler, nun in russischen Energieunternehmen tätig) forciert habe – eine potenziell gezielte Einflussnahme Russlands, Deutschlands Kohleverstromung zugunsten von Gas zu reduzieren. Dafür gibt es aber keinen offenen Beleg; es fällt eher unter strategische Wirtschaftsdiplomatie.

Vergleich Ausland: Andere Länder gingen unterschiedliche Wege, was die geopolitische Komponente des Kohleausstiegs betrifft:

• Frankreich entschied sich aus geopolitischer Logik bereits in den 1960ern für die Atomenergie (nach der Suez-Krise wollte De Gaulle weniger von Öl abhängig sein). Mit eigenem Urananreicherungskreislauf und vielen AKWs konnte Frankreich seine letzten Kohlezechen 2004 schließen, ohne von fossilen Importen abhängig zu werden . Hier ersetzte also eine einheimische (wenn auch kontroverse) Energiequelle die Kohle – geopolitisch clever, allerdings mit anderen Risiken behaftet (Atommüll, Unfallgefahr).

• Belgien baute nach dem Krieg auf Importe: Zunächst Erdgas aus den Niederlanden (Groningen-Feld), später ebenfalls Kernenergie und Importkohle für die verbleibenden Kraftwerke. Es schloss seine Zechen früh (1992 endgültig ) und verlagerte seine Energieversorgung ins Ausland. Als kleines Land war dies naheliegend – man vertraute auf die Nachbarn und den Weltmarkt. Geopolitisch ging Belgien in der europäischen Abhängigkeit auf.

• Großbritannien konnte seine heimische Kohle zwar abbauen, entschied sich aber in den 1980ern aus innenpolitischen Gründen dagegen. Allerdings verfügte UK in der Nordsee über eigene Öl- und Gasreserven, die in den 1980ern zunehmend ausgebeutet wurden. Dies minderte die Abhängigkeit: Der Verlust der einheimischen Kohle wurde durch eigenes Öl/Gas und Importkohle ausgeglichen. Großbritannien importierte in den 2000ern viel Steinkohle, teils auch aus Russland, ohne jedoch in eine einseitige Abhängigkeit zu geraten – das Land hat als Inselnation diversifizierte Importhäfen und seit Thatcher eine Strategie der globalen Energiebezüge. Heute diskutiert UK, angesichts hoher Gaspreise, ob die Abhängigkeit vom LNG-Markt sinnvoll ist, aber die Kohle kehrt nicht zurück (UK will bis 2024 auch aus der Kohleverstromung aussteigen).

• USA und China sind Sonderfälle, da sie geopolitisch eher Energie-Exporteure bzw. -Autark sind (USA seit dem Fracking-Boom sogar Netto-Exporteur von Gas und Öl). Die USA hatten stets riesige Kohlevorkommen und nutzten diese intensiv. Ihr Steinkohlesektor „lebt“ bis heute, weil er im Inland günstiger abbauen kann (viele Tagebaue in Wyoming etc.) und kein externer Zwang zum Schließen besteht. Allerdings sank die Bedeutung auch dort in den letzten Jahren – weniger durch Politik als durch Billig-Gas und erneuerbare Energien. US-Politik nahm trotzdem Einfluss: Die Obama-Regierung erließ Umweltauflagen (Merkurstandards, Clean Power Plan) – was in der Kohleindustrie als „War on Coal“ wahrgenommen wurde. Viele Bergleute in den Appalachengebieten gaben der Politik die Schuld an Grubenschließungen . Tatsächlich gingen zwischen 1980 und 1994 in den USA über 200.000 Kumpel-Jobs verloren (~90 % Rückgang) , was aber primär auf Mechanisierung und Marktentwicklungen zurückgeführt wird . Geopolitisch sind die USA nicht auf Importkohle angewiesen – im Gegenteil, sie exportierten 2018 einige Millionen Tonnen (z.B. nach Europa). Hier „lebt“ die Kohle also noch, weil die Notwendigkeit, sie „zu töten“, geringer war: Es gab keine übermächtige Gewerkschaft mehr (UMWA ist schwach seit den 1980ern), keine Energieabhängigkeit von unsicheren Quellen und – bis vor kurzem – wenig klimapolitischen Druck auf Bundesebene.

• China schließlich ist der größte Kohleproduzent der Welt (über 50 % der Weltförderung stammt 2022 aus China ) und zugleich größter Verbraucher. Die chinesische Führung setzt auf Kohle zur Sicherung des rasanten Wirtschaftswachstums – Kohle bedeutet Energiesicherheit, denn China möchte weniger vom Importöl abhängig sein. Zwar importiert China zusätzlich Kohle (z.B. aus Australien, Indonesien), aber es kontrolliert weitgehend seine eigene Versorgungsbasis. Geopolitisch betrachtet „lebt“ die Kohle in China, weil sie als einheimische Quelle strategisch gefördert wird – trotz Umweltproblemen. Allerdings plant China inzwischen ebenfalls einen Peak und Rückgang der Kohlenutzung aus Klimagründen. Hier wird sich zeigen, ob die Regierung die eigene Kohleindustrie bändigen oder „töten“ kann, ohne die Energieversorgung zu gefährden.

Kohleausstieg und Klimapolitik / globale Verantwortung

In den 2000er-Jahren bekam der Kohleausstieg noch eine geopolitische Dimension durch den Klimawandel. Deutschland stilisierte sich gerne als Vorreiter der Energiewende. Das Ende des Steinkohlebergbaus 2018 passte ins Bild – allerdings muss man klarstellen: Der Beschluss fiel 2007, also bevor Klimaschutz oberste Priorität der Regierung wurde. Es ging damals primär um Wirtschaft und Haushalt. Doch international konnte Deutschland das Aus der Subventionen als Schritt in Richtung CO₂-Reduktion verkaufen. Gleichzeitig war die Ironie, dass Deutschland weiterhin große Mengen Importkohle verstromte und bis 2018 etwa 35 % seines Stroms aus Kohle bezog . Erst mit der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ (Kohlekommission 2018/19) wurde auch der Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2038 (später auf 2030 vorgezogen) eingeleitet.

Dennoch hatte das Ende des Bergbaus geopolitische Signalwirkung in Europa: 2016 wurde Belgien als erstes EU-Land kohlefrei (in Stromerzeugung), 2019 Frankreich etc. Deutschland hinkte bei der Kohleverstromung zwar noch hinterher, aber beim heimischen Bergbau vollzog es, was andere schon taten. Das entfachte auch Diskussionen in Ländern wie Polen, die noch an ihrer Kohleförderung hängen – hier wird oft argumentiert, ob externe Kräfte (EU-Klimapolitik, deutscher Einfluss) ihre Industrie „töten“. Polens Situation ist vergleichbar mit Deutschlands 1980er: Die inländische Kohle ist ein Schrumpfsektor, wird aber aus politischen Gründen (Arbeitsplätze, Tradition, Unabhängigkeit) gehalten. Geopolitisch interessant wird, ob Polen und andere bis 2040 dem deutschen Beispiel folgen – was aufgrund neuer Gasabhängigkeiten (z.B. LNG aus USA) wiederum ein transatlantisches strategisches Thema ist.

Importlieferketten und Verantwortlichkeit: Ein letzter geopolitischer Aspekt: Wenn ein Land wie Deutschland die eigene Förderung einstellt, aber weiterhin Kohle nutzt (importiert), verlageren sich gewisse Probleme ins Ausland. Bergbau-Sozialkosten entstehen dann woanders, Umweltauswirkungen (Tagebaue, Unfälle) ebenso. Deutschland importierte viel Steinkohle aus Ländern mit geringeren Umwelt- und Arbeitsstandards (etwa Kolumbien, Südafrika). Insofern kann man argumentieren, geopolitisch exportierte Deutschland die „dreckige“ Arbeit und behielt nur die Verbrennung. Erst mit dem geplanten Ausstieg aus der Kohle nutzung bis 2030/38 würde Deutschland wirklich komplett aus der Wertschöpfungskette Kohle aussteigen. Bis dahin hat das „Töten“ des Bergbaus v.a. innenpolitischWirkung (Strukturwandel im Revier), während global weiter Kohle gefördert wird – nur woanders.

Zusammenfassend zeigt die geopolitische Perspektive: Der Steinkohlebergbau wurde in Deutschland auch deshalb beendet, weil man glaubte, sich im globalen Energiegefüge anderweitig versorgen zu können – sei es durch Partnerschaften (Russland Gas, Importkohle aus Allierten), neue Technologien (Öl, Gas, später Erneuerbare) oder europäische Kooperation. Dieses bewusste Aufgeben einer heimischen Ressource war ein strategiegetriebener Prozess. Man „tötete“ die eigene Kohleindustrie, um moderner und klimafreundlicher zu sein, akzeptierte dafür aber neue Abhängigkeiten. Ob diese Entscheidung langfristig weise war, wird von den aktuellen weltpolitischen Entwicklungen geprüft – die meisten Anzeichen deuten darauf hin, dass trotz neuer Risiken der Abschied von der Steinkohle unumkehrbar ist und sich global fortsetzt.

Internationaler Vergleich: Deutschland, UK, Frankreich/Belgien vs. USA, China

Abschließend werden die wichtigsten Punkte im Ländervergleich tabellarisch zusammengefasst, um die These zu untermauern, dass Steinkohlebergbau in vielen Fällen politisch „getötet“ wurde und nicht einfach verschwand:

LandEnde des SteinkohlebergbausCharakteristik des Niedergangs
Deutschland2018, letzte Zechen Prosper-Haniel & Ibbenbüren geschlossen Schrittweiser, staatlich gesteuerter Rückzug: Von 150 Mio. t (1957) auf 0 in 2018 durch jahrzehntelange Subventionen und politisches Management. Ausstieg politisch beschlossen 2007, umgesetzt 2018 . Keine plötzliche Pleite, sondern „sozialverträgliches Aus“ mit breitem Konsens.
Großbritannien2015, Kellingley Colliery (letzte Tiefbauzeche) geschlossen Rapid erzwungener Zusammenbruch in den 1980ern: Beschäftigung bereits vor Thatcher stark gesunken (1979 nur noch 235.000 Kumpel, von 1,2 Mio. 1920) . In den 1980ern gezielte politische Schließungen nach gewonnener Konfrontation mit NUM . Danach Restabbau durch Marktkräfte unprofitabel . 2015 endete der Tiefbau – Gründe: billige Importkohle (v.a. Russland, Kolumbien), sinkende Nachfrage und aktiver Regierungsdruck zum Kohleausstieg (Klimapolitik) . Thesis erfüllt: Der Bergbau wurde hier eindeutig politisch „getötet“.
Frankreich2004, Schließung der Zeche La Houve (Lothringen) Frühzeitiger staatlicher Ausstieg: Nach Nationalisierung (1946) kontrollierte der Staat die Schrumpfung. Seit 1984 Einstellungsstopp, großzügige Vorruhestandsregeln . Gründe: Umstieg auf Kernenergie (über 70 % Strom aus Atomkraft bis 1990er) und billige Importkohle. Kohle galt als unmodernund umweltbelastend, wurde daher politisch aufgegeben, obwohl Reserven vorhanden waren.
Belgien1992, letzte Grube Zolder geschlossen Kompletter Rückzug bis in die 90er: Belgien hatte drei Kohlereviere (Wallonien bis 1984, Flandern bis 1992) . Kohleabbau war spätestens ab den 60ern strukturell defizitär. Die Regierung entschied sich, lieber auf Importe und andere Energien (Erdgas, Kernkraft) zu setzen. Keine großen Streiks wie in UK, aber 1966 Aufstände (Zwartberg) wurden durch Schließungspläne ausgelöst . Insgesamt ein ökonomisch motivierter, politisch beschlossener Ausstieg in kleinen Schritten.
USAkein festgelegtes Ende, Förderung aktiv (2023 ca. 450 Mio. t)Marktgetriebener Rückgang, regionale Politik: US-Steinkohle starb nicht abrupt, sondern sank langsam. Von ~863.000 Beschäftigten (1923) auf ~50.000 (heute) , v.a. durch Mechanisierung und Konkurrenz durch Erdgas . Politische Eingriffe: Umweltauflagen unter Obama bremsten Kohle, aber keine direkte „Tötung“ – Trump versuchte sogar Wiederbelebung (ohne Erfolg). Einige Bundesstaaten (Wyoming, West Virginia) fördern Kohle weiter aktiv. Insgesamt lebt die Kohle in den USA noch, wenn auch angeschlagen, da kein nationaler Konsens zum Ausstieg besteht.
Chinakein Ende in Sicht, Förderung aktiv (2022 über 4 Mrd. t) Staatlich geförderte Expansion: China hat den Steinkohlebergbau aktiv belebt, um den immensen Energiehunger zu stillen. Millionen Arbeitskräfte, viele neue Minen. Zwar werden alte, unsichere Zechen geschlossen, aber gleichzeitig Großbergwerke eröffnet – Netto wächst die Förderung langfristig. Politik hält Kohle am Leben, da strategisch wichtig für Chinas Industrialisierung. Klimapolitik führt jetzt zu Plänen, den Höhepunkt zu erreichen, doch kurzfristig baut China sogar neue Kohlekraftwerke. Hier wurde der Bergbau geschützt, nicht getötet – das Gegenteil des deutschen Falls.

Quelle: Eigene Zusammenstellung aus genannten Quellen .

Diese internationale Gegenüberstellung bestätigt: In Europa wurde der Steinkohle-Bergbau weitgehend durch politische Maßnahmen beendet – sei es durch bewusste neoliberale Politik (UK), strategischen Technologiewechsel (Frankreich) oder subventionierten Auslauf (Deutschland). In anderen Weltregionen (USA, China) hingegen spielt Politik eine andere Rolle: Dort wurde die Kohle nicht so direkt „getötet“, sondern stirbt allenfalls einen langsameren Markttod (USA) oder wird sogar künstlich am Leben gehalten (China) aus strategischen Überlegungen.

Schlussbemerkung

Die Analyse der wirtschaftshistorischen Entwicklung, der Akteursstrategien und der geopolitischen Rahmenbedingungen untermauert die These, dass der Steinkohlebergbau in Deutschland nicht einfach von selbst verschwand, sondern durch politisch-strategisches Handeln beendet wurde. „Getötet“ ist dabei im übertragenen Sinne zu verstehen: Der Staat hat – beeinflusst von ökonomischen Realitäten und Interessenlagen – entschieden, die lebenserhaltenden Maßnahmen (Subventionen, Protektion) zu beenden und damit den Patienten Kohlebergbau sterben zu lassen. Andere Länderbeispiele zeigen ähnliche Muster: Wo Steinkohle einst florierte, war meist politischer Willeim Spiel, als sie unterging. Ob man dies negativ (im Sinne eines „Mordes“ an einer Industrie) oder positiv (als notwendige strukturelle Transformation) bewertet, hängt vom Blickwinkel ab. Fakt ist: Ohne die bewussten Entscheidungen von Regierungen und Institutionen – in Abstimmung mit oder gegen die beteiligten Akteure – hätte der Steinkohlebergbau noch länger „am Tropf“ hängen können. Die Geschichte der Steinkohle lehrt uns somit, dass Industrien von solcher Größe nur selten einem rein natürlichen Prozess erliegen; meist gibt es einen politischen Schlusspunkt. In Deutschland fiel dieser Punkt 2018 – und er war das Ergebnis eines langjährigen Spiels zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, bei dem am Ende alle Beteiligten dem einst stolzen Steinkohlesektor den Abschied bereitet haben.

Literatur & Quellen: Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) / BMWK-Berichte, RAG-Stiftung Chroniken, EU-Ratsbeschluss 2010/787/EU , Werner Abelshauser (1984) „Der Ruhrkohlenbergbau seit 1945“, Clean Energy Wire , Zahlenbilder 04/2019 , Tagesschau , Reuters und Guardian-Berichte (UK) , AFP (Frankreich) , Wikipedia (Historie Belgien) , Reuters (USA/China) , u.a. (siehe Fußnoten).

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